Be Yourself

Muss ich, um ich selbst zu sein, tatsächlich immer strahlend, grinsend und Glückspartikel versprühend umherlaufen?

Muss ich mich, um ich selbst zu sein, tatsächlich immer für mich persönlich gefühlt, albern benehmen?

Muss ich, um ich selbst zu sein, wirklich der ganzen Welt erzählen, wie cool es ist „Ich selbst zu sein“?

Muss ich, um ich selbst zu sein, wirklich wie ein Kind beim ersten bewusst erlebten Weihnachtsfest reagieren, und mich wie beim, über den Mann in Rot/Weiß freuend, quietschen umherhüpfen?

Muss ich, um ich selbst zu sein, tatsächlich so lange in mir suchen, bis sich mir ein verängstigtes Kind in einer meiner dunklen Ecken zeigt, bei dem auch ich nicht weiß, ob es Realität oder meine Illusion ist. All dies, um dieses dann so wie andere es wünschen, umzuerziehen.

Weil es IN ist, sein inneres Kind zu bearbeiten und ihm die Freiheit zu nehmen, im Nachhinein noch es selbst zu sein, damit ich mir *Be Yourself* und *Self-Love* aufs Fähnchen zeichnen kann?

Oder muss ich, um ich selbst zu sein, vor Ehrfurcht vor demjenigen Erstarren, der mir vorsagt, wie ICH sein müsste, wenn ICH *ich selbst* sein will?

Muss ich denn, um ich selbst zu sein, wirklich einer Herde Menschen folgen, die alle auf die gleiche Weise, dieses *Be-Yourself* leben. Einer wie der andere zur esoterischen Einheitshymne tanzend, soll ich unter unzähligen anderen auf die gleiche Art *Ich-Selbst* sein. Ein Schaf, das unter Schafen *Ich lebe, wie ICH will* jubiliert, und doch nur in der Sektenherde einheitlich blökt.

Diese und viele andere Fragen tun sich mir auf, wenn ich mal wieder auf eine Seite, ein Profil- oder einen Bericht treffe, der davon erzählt, ich solle *Be Yourself* leben.

Verdammichnocheinmal, was ist denn, wenn ich mich selbst lebe, so wie ich mich sehe und wie ich es sein will! Eben weil ich mir und meinem inneren Wissen genügend vertraue, um mich nicht an anderen zu orientieren!

Was ist denn, wenn es mich nicht interessiert, was andere Denken, wie ich sein sollte, und ich lieber tatsächlich ich selbst leben will, ohne dass mir ein kluger Coach, Speaker oder wer auch immer, glaubt, mir sagen zu müssen, wie ich zu sein habe und was mit meinem Ego zu ändern sei, damit ich *Ich selbst* bin?

Was ist denn, wenn ich es ablehne, in Pipi Langstrumpf-Manier umher zu hüpfen und jedem zu erklären, wie schön doch WitteWitteWitt sein kann. Derweil ich über die Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse und Rechte anderer trampele, und damit erst unglücklich und mir selbst völlig fremd werde?

Was, wenn mir dies absolut nicht entspricht, immer egoistisch dies zu tun, was mir gefällt, weil ich mich auch gerne frage, welche Auswirkungen mein Verhalten auf andere hat?

Was, wenn ich keine Lust dazu habe, immer zu grinsen und mit der Sonne, um die Wette zu strahlen, wenn mir gerade danach ist, meine Emotionen bei mir zu behalten oder einfach still zu sein, weil ich vielleicht ein wenig introvertiert bin und zu viel extrovertiert für mich …Achtung ein Lieblingswort der WitteWitteWitt-Lebenden… einfach zu toxisch ist?

Was, wenn ich tatsächlich einmal keinen universellen GlücksGlitter verteilen möchte, weil mir nach Regen in der Seele ist, der reinwäscht und klärt?

Wie wäre es, wenn ich, um ich selbst zu sein, auch still sein kann, ohne verschwommenes Grinsen im Gesicht, einfach ganz bei mir selbst bin?

Was wenn es mir gleichgültig ist, ob andere glauben, dass ich Seminar X und Schulung Y der Selbsterkenntnis absolvieren müsste, ob ich Seelenverträge mit YYVXV imaginär auflösen sollte, oder Seelenreise zu XYV zum inneren Clearing besuchen müsse. Dies und vieles mehr, um auf dem absolut erfolgreichen Weg der universellen kunterbunt strahlenden Seifenblasen umhertänzelnd, immer den Blick auf Erfolg, universellen, spirituellen, und natürlich materiellen Wachstum richte.

Vielleicht wünsche ich mir schlichtweg Einfachheit und nur Dinge, die zu mir und den Menschen, um mich herum, passen?

Was wäre, wenn ich Spiritualität so lebe, wie es seit Jahrtausenden der Fall ist, in mir, für mich und für die Gemeinschaft wirkend. Immer mit Blick darauf, mein Bestes zu geben, meinen Zielen zu folgen, jedoch niemandem zu schaden und dabei geistig zu wachsen?

Was wäre, wenn mein Gemeckere hier, spiritueller ist, als jegliche Portalöffnung, Seelenvertragsauflösung, Dimensionsaufstieg, und was auch immer dieser Art?

WIESO?

Weil es ehrlich ist, ungekünstelt, mit Blick auf Wahrheit, Respekt und dem Erschaffen einer Position auf Augenhöhe!

Wie wäre es, würde ich spirituelle Erkenntnisse auf dem Wege suchen, wie es die alten Schamanen, Heiler und Weisen, in der Einsamkeit, der Stille zelebriert haben?

Und zwar mit mir … in mir, allein die Erleuchtung zu suchen, die sich auf diese Weise nur mir so zeigt und doch alles an Wahrheit und Wissen besitzt, damit ich es ins Leben tragen kann?

Wie wäre es, hätte ich noch eine gesunde Schamgrenze, die ich auch lebe, und würde mir einen gewissen privaten Raum bewahren, ohne überall über die Partnerschaft, das ureigene Seelenleben, die eigene und die Yoni-Energie anderer- und mein Allerinnerstes zu palavern?

Keine aufgelösten Grenzen, sondern gesunde Schamgrenze leben!

Wie wäre es, wenn ich spirituelle Grenzen achte, und mich nicht völlig nackt vor die ganze Welt stelle? Denn jeder muss auch noch einen eigenen inneren stillen Raum haben, in den er sich, ohne sich vor sich selbst zu schämen, zurückziehen kann!

Was, wenn ich mich lieber still, nachdenklich und verdammt noch einmal auch mit dem Recht auf miese Laune, anstatt mit einem verklärten, jedoch erzwungenen Grinsen im Gesicht, meine Tränen und meine die Kummerfalten im Antlitz zeigend, auf meinem Lieblingsplatz sitze? 

Ein persönlicher Platz, der frei ist von Esowerbekampagnen und grell blinkenden Seminarangeboten, die mit pulsierenden Schriftzügen gemahnen, dass man nur noch 11 Stunden 22 Minuten und 33 Sekunden Zeit hat, diese wunderbare, einmalige, für mich so wichtige Gelegenheit zu nutzen und zu lernen, endlich *Ich Selbst* zu sein.

Was wäre, wenn ich mich frage … „Wie nur konnte die Menschheit bisher, ohne den ach so hippen- spirituell inhalierten Feinstaub, universell verstrahlte Weisheiten, und lautes Eso- Getümmel nur so lange überleben?“

Ich muss mich nicht gegen meine Natur benehmen, um anderen zu gefallen!

Was ist, wenn ich mich dafür schämen würde, wie Clown Hinz und Kasperle Kunz mit roten kurvigen Zöpfchen und Ringelstrümpfen, oder anderweitig skurril, mit Sprüchen voller Forderungen, laut singend und plärrend, durch ansonsten leise Straßen und das Leben und die Stille anderer zu tanzen, unbeachtet dessen, dass man andere Menschen mit seinen *Be Yourself* und sonstigen Floskeln, verhöhnen oder verletzen könnte und dabei jeden verurteile, der ein anderes Leben bevorzugt?

Was wenn ich stattdessen lieber schaue, wo die stillen Leidenden sich vor diesem Getümmel verstecken, mich schweigend zu Ihnen setze, und sie sein lasse, wie diese sind, und einfach nur da bin?

Ein gefühltes Dasein, dass keiner Worte bedarf, und niemanden umerziehen, sondern einfach auf gleicher Höhe, still und mitfühlend, präsent sein will.

Was ist, wenn ich lieber Arnika oder Tim bin, und zwar erstaunt auf Pipis Treiben blicke, mich aber lieber an meinen Lebensregeln und den Menschen, die mir nahestehen, orientiere und ja manchmal vielleicht auch festhalte?

Warum soll ich alle bisherigen Lebensprinzipien über Bord werfen, um mich einer unüberschaubaren Masse von Licht- und Liebejägern- und forderungseinklagenden Pippis und Heinis, und, ich bin nun mal – wie ich bin- Vertretern anzuschließen, die sich als egoistisch anmutendes Zeichen der Angehörigkeit zu einer riesigen Herde gleichdenkender Egos … *BE-YOURSELF* ins Profilbild kleben.

Lange Rede kurzer Sinn!

Was wäre, wenn ich wirklich, einfach nur mich selbst lebe?

Erika Flickinger

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