Der liebende Tröster, dessen Liebe nie gefühlt wird

Inspiriert von meinem Kunden Manuel.

Du liebst diese Frau, und sie sieht dich nur als Freund. Ihr Herz ist nicht frei, denn es hofft auf einen Mann, der sie nicht sieht.

Und du weißt genau: Wer liebt, der sieht die Person, die er liebt, und will bei ihr sein.

Du tust alles für diese Frau, und sie erkennt dein Fühlen nicht, denn sie ist innerlich erfüllt von diesem Mann, der sich immer weiter von ihr entfernt.

Doch du weißt genau: Würde er sie lieben, würde er den Weg zu ihr finden.

Du hältst Sorgen von ihr fern, doch sie sorgt sich immer weiter darum, ob dieser Herzensmensch endlich zu ihr findet.

Doch du weißt: Wer liebt, muss nirgendwohin finden – er ist schon dort, wo er sein soll.

Du hältst ihr liebevoll tröstend die Hand, während sie weinend klagt, dass er nur vor ihr flüchtet, weil seine Gefühle ihn überwältigen.

Doch du weißt: Gerade dann ist man für den Menschen da, den man liebt. Und er ist nicht da, niemals, er ist in seiner eigenen Welt.

Sie jammert und klagt, wie schlimm seine Partnerin sei und dass diese eine Schlange sei, weil sie ihn nicht freigibt. Und du hörst die tollsten Geschichten, wieso er sie ständig verletzt. Er sei ja nur ihr Spiegel, der aufzeigt, wo sie sich noch ändern muss.

Und du fragst dich ehrlich, wozu du ihr Spiegel bist, denn du liebst sie, und sie sieht dich nicht, obwohl du frei und immer für sie da bist.

Und sie „hofft“ beständig, dass er irgendwann erkennt, was sie für ihn ist.

Und du hältst liebevoll ihre Hand und tröstest sie, während du dich danach sehnst, sie in den Arm zu nehmen, ihr deine Liebe zu gestehen und ihr zu zeigen, wie schön es sein kann, wenn man wahrhaft geliebt wird.

Und so bleibst du in deiner Rolle als Tröster und schweigst, damit du diese Rolle nicht verlierst und sie in deinem Leben bleibt, und du trägst die Hoffnung in dir, dass sie irgendwann fühlt, dass die Liebe schon so lange bei ihr ist.

Und dann fragst du dich, wieso sie dich nicht erkennt und was du wohl falsch machst, weil sie den Weg zu dir nicht findet.

Und du erkennst, während du ihre Sorgen klärst oder abmilderst: Sie sorgt sich überhaupt nicht um dich, erkennt deine Gefühle nicht, denn du bist in ihrem Leben so selbstverständlich, dass sie all ihre Sorgen auf dir ablädt.

Du bist immer präsent und tust, was du kannst, weil du sie liebst.

Und irgendwann taucht die Frage in dir auf, wofür genau du ihr Spiegel bist – und plötzlich steht die Wahrheit vor dir.

Du liebst und liebst und liebst und bist derweil auf der Flucht vor der Ehrlichkeit ihr gegenüber. Und du weißt, es bedeutet nur wenige Worte, einen einfachen Satz mit den drei Worten „Ich liebe dich“ … und doch weißt du, sie würde vor deinen Gefühlen zu ihr flüchten und vor der Erkenntnis, dass all dies, was sie sich schon immer wünscht, so klar erreichbar an ihrer Seite lebt.

Und sie würde zur Gefühlsflüchterin werden, die vor den tiefen Liebesgefühlen flieht, und du zum Jäger einer Liebe, die nicht dich sieht, sondern nur deine helfende Präsenz.

Du weißt, du würdest sie verlieren, also bleibst du lieber still und „hoffst“ weiterhin. Das Hoffen ist bequemer als die Wahrheit – bei ihr, und bei dir.

© Erika Flickinger

Schreibe einen Kommentar